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Wie entstehen Zombie-Unternehmen? Warum verlieren Papierwährungen langfristig ihre Kaufkraft? Welche Rolle spielen Staatsverschuldung, Zentralbanken, Gold und der Petrodollar? In einem mehr als dreistündigen Gespräch analysiert Krall umfassend das westliche Wirtschafts- und Geldsystem – und erklärt, warum Deutschland seiner Ansicht nach auf eine schwere ökonomische Krise zusteuert.
Vom Bankenberater zum Systemkritiker
Markus Krall beschreibt sich zunächst nicht als klassischen politischen Aktivisten, sondern als ehemaligen Unternehmensberater und Risikomanager. Sein Spezialgebiet ist die Bewertung von Kreditrisiken gewesen. Er habe Banken, Versicherungen, Aufsichtsbehörden und Regierungen in rund 40 Ländern beraten und zeitweise der internationalen Führungsgruppe für Risikomanagement bei McKinsey angehört.
Nach eigener Aussage arbeiten etwa 80 Prozent der deutschen Banken mit Systemen oder mathematischen Modellen, an deren Entwicklung er beteiligt gewesen ist. Solche Modelle sollen anhand von Bilanzkennzahlen, Liquidität, Eigenkapital und weiteren Daten abschätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Unternehmen seinen Kredit nicht zurückzahlen kann.
Bei der Beschäftigung mit diesen Daten ist ihm eine ungewöhnliche Entwicklung aufgefallen: Während Unternehmensinsolvenzen früher dem Konjunkturzyklus folgten, sei ihre Zahl seit der Jahrtausendwende über viele Jahre nahezu kontinuierlich gesunken.
Krall führt diese Entwicklung hauptsächlich auf die Null- und Negativzinspolitik sowie auf staatliche Subventionen zurück. Unternehmen, die unter normalen Marktbedingungen ausgeschieden wären, hätten sich durch extrem günstige Kredite weiterfinanzieren können. Er bezeichnet sie als „Zombie-Unternehmen“: wirtschaftlich eigentlich nicht mehr lebensfähig, aber durch billiges Geld künstlich am Leben gehalten.
Das Problem bestehe in der schleichenden Ansammlung solcher Unternehmen. Wenn unter normalen Bedingungen beispielsweise zwei Prozent der Firmen jährlich aus dem Markt ausscheiden müssten, tatsächlich aber nur ein halbes Prozent verschwinde, wachse der Bestand wirtschaftlich schwacher Unternehmen Jahr für Jahr.
Mit dem Ende der Nullzinspolitik wurde dieser Prozess umgekehrt. Seit etwa 2021 steige die Zahl der Insolvenzen deshalb wieder. Nach Kralls Einschätzung ist die notwendige Marktbereinigung jedoch noch längst nicht abgeschlossen.
Griechenland und der Bruch mit dem politischen System
Eine weitere prägende Erfahrung war für Krall die Beratung der griechischen Syriza-Regierung während der Eurokrise 2015. Obwohl es sich um eine dezidiert linke Regierung handelte, habe sie ihn als marktwirtschaftlich orientierten Berater in den Verhandlungen mit der Troika hinzugezogen.
In dieser Zeit ist er zu der Überzeugung gelangt, dass die europäischen Institutionen nicht in erster Linie Griechenland und seine Bevölkerung retten wollten. Ihr Ziel sei vielmehr gewesen, das bestehende Finanz- und Euro-System aufrechtzuerhalten. Die wirtschaftlichen und sozialen Schäden für Griechenland sind dafür in Kauf genommen worden.
Diese Erfahrung hat seinen Glauben erschüttert, das System könne durch einige technische Korrekturen dauerhaft reformiert werden. Anfangs veröffentlichte Krall noch unter einem Pseudonym. Später folgten Bücher unter seinem eigenen Namen, in denen er vor den Folgen der europäischen Geldpolitik und einer wachsenden Zahl wirtschaftlich nicht mehr tragfähiger Unternehmen warnte.
Sein damaliger Ansatz sei noch reformorientiert gewesen. Er habe konkrete Vorschläge innerhalb des bestehenden Systems formuliert. Erst nachdem diese Warnungen weitgehend unbeachtet geblieben seien, hat sich seine Kritik grundlegend verschärft.
Inflation als kaum sichtbare Enteignung
Einen zentralen Teil des Gesprächs bildet Kralls Interpretation der Inflation. Er unterscheidet zwischen der für Verbraucher sichtbaren Konsumentenpreisinflation und den Preissteigerungen auf der Ebene der Produzenten.
Während der jüngsten Inflationsphase hat die Verbraucherpreisinflation zeitweise rund zwölf Prozent erreicht. Die Produzentenpreise sind in der Spitze dagegen um etwa 47 Prozent gestiegen. Für Unternehmen ist eine solche Entwicklung besonders gefährlich, weil sie Rohstoffe und Vorprodukte zu stark schwankenden Preisen einkaufen, bearbeiten und anschließend weiterverkaufen müssten.
Moderne Lieferketten sind wesentlich komplexer als noch vor einem Jahrhundert. Ein Produkt könne vom Rohstoff bis zum fertigen Auto zahlreiche Unternehmen und Verarbeitungsschritte durchlaufen. Wenn einzelne Betriebe nicht mehr kalkulieren könnten, zu welchen Preisen sie einkaufen und verkaufen müssen, droht die gesamte Produktionskette zu reißen.
Auch wenn diese extremen Preissteigerungen nur vorübergehend auftreten, belasten sie die Gewinnmargen. Unternehmen können höhere Kosten nicht immer sofort an die Verbraucher weitergeben. Sie nehmen deshalb Verluste hin, kürzen Investitionen oder stellen die Produktion ein.
Für private Sparer betrachtet Krall Inflation als eine indirekte Steuer. Er rechnet vor, dass die Deutschen im Jahr 2020 ungefähr sechs Billionen Euro an Nominalvermögen besessen hätten. Dazu zählen Bargeld, Girokonten, Sparguthaben, Anleihen und vergleichbare Forderungen, deren Betrag in Euro festgeschrieben ist.
Bei einer kumulierten Inflation von etwa 22 Prozent zwischen 2020 und 2025 ist die Kaufkraft dieser sechs Billionen Euro auf ungefähr 4,8 Billionen Euro gefallen. Rechnerisch sind somit rund 1,2 Billionen Euro an Kaufkraft verloren gegangen.
Dieses Vermögen ist nicht einfach verschwunden. Die Entwertung kommt den Schuldnern zugute, weil sie ihre Kredite in einer weniger wertvollen Währung zurückzahlen. Der wichtigste Schuldner ist der Staat. Die Entlastung der öffentlichen Haushalte durch Inflation werde damit von den Sparern finanziert.
Vom Goldstandard zum Papiergeld
Krall zeichnet anschließend die Entwicklung des modernen Geldsystems nach. Im 19. Jahrhundert waren Banknoten ursprünglich vollständig oder zumindest teilweise durch Gold gedeckt. Bürger hätten ihre Geldscheine gegen eine festgelegte Menge Gold eintauschen können.
Bereits vor dem Ersten Weltkrieg ist diese Deckung schrittweise verwässert worden. Mit Kriegsbeginn hatten die beteiligten Staaten die Einlösung ihrer Banknoten in Gold ausgesetzt, um ihre Militärausgaben durch neu geschaffenes Geld finanzieren zu können.
In Deutschland habe dieser Prozess schließlich in die Hyperinflation des Jahres 1923 geführt. Der Krieg, die politischen Umbrüche nach 1918 und später die Finanzierung des Widerstands gegen die Besetzung des Ruhrgebiets seien über die Notenpresse bezahlt worden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand mit dem Bretton-Woods-System eine neue Währungsordnung. Der Dollar wurde zu einem festen Preis an Gold gebunden, während andere Währungen feste Wechselkurse zum Dollar erhielten. Die D-Mark war damit indirekt ebenfalls an Gold gekoppelt.
Da sich nach dem Krieg ein großer Teil der weltweiten staatlichen Goldbestände in den USA befand, konnte der Dollar diese besondere Rolle übernehmen. Doch die Vereinigten Staaten finanzierten in den folgenden Jahrzehnten Kriege, Sozialprogramme und weitere Großprojekte. Gleichzeitig flossen ihre Goldreserven durch die Umtauschpflicht ins Ausland.
Am 15. August 1971 setzte US-Präsident Richard Nixon die Einlösung des Dollars in Gold aus. Aus der vermeintlich vorübergehenden Maßnahme wurde ein dauerhafter Zustand.
Der Dollar als weltweites Transfersystem
Durch die Aufhebung der Goldbindung erhielten die Vereinigten Staaten ein außergewöhnliches Privileg: Sie konnten Waren im Ausland kaufen und ihre Handelsdefizite mit selbst geschaffenen Dollars bezahlen.
Die neu gedruckten Dollars gelangten zunächst ins Ausland. Die damit verbundene Geldmengenausweitung und ein Teil der späteren Kaufkraftverluste würden folglich nicht allein von den US-Bürgern getragen, sondern von allen Staaten, Unternehmen und Anlegern die Dollarreserven hielten.
Krall bezeichnet dieses System als eine Art Tributsystem. Nach seinen Berechnungen hatten sich außerhalb der USA inzwischen Dollarbestände im Umfang von mehr als 20 Billionen angesammelt. Der seit 1971 entstandene Kaufkraftverlust dieser Bestände entspricht mehreren Billionen Dollar.
Für die USA ist die internationale Funktion des Dollars deshalb von zentraler Bedeutung. Sie erlaube es dem Land, dauerhaft mehr zu konsumieren, als es selbst produziert. Das amerikanische Haushaltsdefizit und das Handelsbilanzdefizit sind zwei Seiten derselben Entwicklung.
Der Euro ist in kleinerem Umfang in eine ähnliche Rolle hineingewachsen. Gleichzeitig leidet die Eurozone unter stark gestiegenen Staatsschulden und den erheblichen wirtschaftlichen Unterschieden zwischen ihren Mitgliedern.
BRICS, Gold und der Petrodollar
Staaten wie China, Russland, Indien oder Brasilien haben zunehmend weniger Interesse daran, ihre Waren gegen eine Währung zu verkaufen, die durch Inflation entwertet wird. Daher wird innerhalb der BRICS-Staaten über alternative Handels- und Abrechnungssysteme diskutiert.
Eine bloße Kopie des Dollars würde das Grundproblem allerdings nicht lösen. Derjenige Staat, der die neue Währung herausgibt und dauerhaft Defizite verursacht, hätte erneut einen Vorteil gegenüber den Überschussländern. Eine goldgedeckte Handelswährung könnte diesen Mechanismus begrenzen.
Der Westen müsste seine Importe aus den BRICS-Ländern dann mit Gold oder einer goldgedeckten Währung bezahlen. Seine Defizite ließen sich nicht mehr unbegrenzt durch neu geschaffene Dollar oder Euro finanzieren. Gold würde erheblich aufwerten, während sich die Handelsströme an ein neues Gleichgewicht anpassen müssten.
Als entscheidende Verteidigungslinie des Dollars betrachtet Krall den internationalen Ölhandel. Solange große Ölproduzenten ihre Exporte in Dollar abrechnen, benötigen auch Länder wie China große Dollarbestände. China muss diese Dollar wiederum durch Exportüberschüsse erwirtschaften.
In diesem Zusammenhang interpretiert Krall die amerikanische Politik gegenüber Venezuela und dem Iran. Er sieht im Erhalt des Petrodollar-Systems ein wesentliches geopolitisches Motiv. Er behauptet, dass der Konflikt mit dem Iran stärker durch die zukünftige Währungsordnung als durch die offiziell genannten Sicherheitsfragen bestimmt wird.
China verfolge eine andere strategische Tradition als die USA. Peking setzt stärker auf Handel, wirtschaftlichen Wettbewerb und den langsamen Aufbau eigener Macht. Militärische Auseinandersetzungen wird China möglichst vermeiden, solange ein Erfolg nicht nahezu sicher sei.
Zwei Wege aus der Überschuldung
Für eine überschuldete Volkswirtschaft gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Inflation oder Deflation.
Bei einer Inflation verlieren Schulden real an Wert. Gleichzeitig werden jedoch auch die Ersparnisse der Gläubiger entwertet. Bei einer Deflation entstehen dagegen Insolvenzen. Unternehmen, Banken oder Staaten können ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen, die entsprechenden Forderungen werden abgeschrieben und verschwinden aus den Bilanzen.
Beide Prozesse zerstören Schulden – allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Eine deflationäre Krise verlaufe meist schnell, offen und politisch explosiv. Eine Inflation könne sich dagegen über Jahre hinziehen. Die Bürger würden allmählich Kaufkraft verlieren, ohne den Vorgang unmittelbar als staatliche Enteignung wahrzunehmen.
Zentralbanken bevorzugten deshalb die inflationäre Lösung. Sie ist für die bestehenden politischen Machtverhältnisse weniger gefährlich.
Eine geordnete Sanierung hält er theoretisch weiterhin für möglich, politisch jedoch für äußerst unwahrscheinlich. Sie würde nach seinem Modell eine drastische Verkleinerung des Staates, die Schließung zahlreicher Behörden, den Abbau von Subventionen und erhebliche vorübergehende Wohlstandsverluste verlangen.
Die immer größeren Rettungsaktionen
Krall beschreibt die Geldschöpfung als zweistufigen Prozess. Zunächst schafft die Zentralbank Zentralbankgeld. Geschäftsbanken verwenden dieses Geld anschließend als Grundlage für Kredite und erzeugen dadurch zusätzliches Giralgeld.
Seit der Einführung des Euro habe es mehrere große Rettungsphasen gegeben. Krall nennt dabei folgende Größenordnungen:
- rund 250 Milliarden Euro während der Dotcom-Krise,
- etwa 500 Milliarden Euro in der globalen Finanzkrise,
- ungefähr eine Billion Euro in der Eurokrise,
- etwa zwei Billionen Euro im Zuge der späteren Deflationsbekämpfung,
- rund vier Billionen Euro während der Corona-Zeit.
Seiner Interpretation zufolge verdoppelte sich das Volumen der notwendigen Rettung von Krise zu Krise. Das neu geschaffene Geld senkt die Risikoaversion, ermöglicht schlechtere Kredite und fördert Investitionen, die unter normalen Marktbedingungen nicht vorgenommen würden.
Bei der nächsten Krise müssen deshalb noch größere Verluste aufgefangen werden. Krall hält eine Rettungsaktion im Umfang von acht Billionen Euro für möglich. Eine neue Inflationswelle wird aus seiner Sicht eine wahrscheinliche Folge.
Externe Ereignisse seien dabei meistens nur der Auslöser. Die eigentliche Ursache liegt in jahrelangen Fehlentscheidungen, überschüssiger Liquidität und der falschen Verwendung von Kapital.
Staatswachstum und politische Anreize
Krall vertritt die These, dass der moderne Staat strukturell immer weiter wachsen muss. Vor jeder Wahl versprechen Parteien neue Leistungen. Einmal eingeführte Programme werden anschließend kaum wieder abgeschafft. Auf diese Weise legt sich in jeder Legislaturperiode eine neue Ausgabenschicht über die bereits vorhandenen Verpflichtungen.
Die offizielle Staatsquote bildet das tatsächliche Ausmaß staatlicher Aktivität nur unvollständig ab. Staatsunternehmen und auf Privatunternehmen übertragene bürokratische Aufgaben werden nicht vollständig berücksichtigt. Unter Einbeziehung dieser Bereiche veranschlagt Krall den staatlich bestimmten Anteil der deutschen Wirtschaft auf bis zu 60 oder 65 Prozent.
Daraus entstehe ein Kreislauf: Steuern werden erhöht, anschließend wachst die Verschuldung, schließlich werden Schulden über die Zentralbank monetarisiert. Das formale Verbot einer direkten Staatsfinanzierung wird eingehalten, indem Geschäftsbanken und andere Finanzakteure Staatsanleihen zunächst kaufen und später an die Zentralbank weiterreichen.
Ökonomisch betrachtet bleibt das Ergebnis dasselbe: Der Staat erhält neues Geld, während die Zentralbank die Schulden übernimmt.
Wo Krall den Rotstift ansetzen würde
Krall nennt im Gespräch mehrere Bereiche, in denen er die staatlichen Ausgaben drastisch kürzen würde. Von den diskutierten Rüstungsausgaben würde er einen großen Teil streichen und stattdessen stärker auf Diplomatie setzen.
Auch die Ausgaben für Migration sowie für internationale Entwicklungs- und Klimaprojekte stellt er grundsätzlich infrage. Hinzu kommen Bundesministerien, deren Aufgaben entweder vollständig entfallen oder von den Bundesländern wahrgenommen werden können.
Krall räumt ein, dass eine derartige Kürzungspolitik zunächst eine schwere Anpassungskrise auslösen würde. Staatliche Ausgaben seien schließlich Einnahmen anderer Bürger, Unternehmen oder Organisationen. Werden sie gestrichen, entstehen unmittelbar Arbeitslosigkeit, Einkommensverluste und Insolvenzen. Eine schmerzfreie Sanierung könne es deshalb nicht geben.
„Follow the Money“
Migration, Klimapolitik, Pharma, Rüstung, Krieg und die staatlich finanzierte NGO-Landschaft betrachtet Krall als miteinander vergleichbare politische Wirtschaftszweige. Um ihre Funktionsweise zu verstehen, empfiehlt er, den Geldflüssen zu folgen.
Seine These lautet, dass sich rund um jedes dieser Themen umfangreiche wirtschaftliche Interessen gebildet hätten. Behörden, Unternehmen, Verbände, Berater, Anwälte und politische Organisationen profitierten von staatlichen Programmen. Dadurch entsteht ein eigenes Interesse daran, Probleme aufrechtzuerhalten oder immer größer darzustellen.
Besonders deutlich formuliert er dies beim Ukraine-Krieg. Der Krieg wäre vermutlich längst beendet, wenn es auf westlicher Seite keine erheblichen finanziellen Profiteure gäbe. Er trennt diese These ausdrücklich von der völkerrechtlichen Bewertung des russischen Einmarsches, den er ebenfalls ablehnt.
Auch Klimaschutzprogramme interpretiert Krall überwiegend als wirtschaftliches Umverteilungssystem.
Im Kern führt Krall die verschiedenen Politikfelder auf dasselbe Muster zurück: Eine gesellschaftliche Gefahr werde beschrieben, staatliche Mittel würden mobilisiert und anschließend zwischen Politik, Unternehmen und angeschlossenen Organisationen verteilt.
Parteien, AfD und die politische Wende
Von den etablierten Parteien erwartet Krall keine grundlegende Kurskorrektur. SPD, Grüne und Linke kritisiert er scharf; die CDU betrachtet er seit der Ära Merkel als weitgehend sozialdemokratisierte Kaderpartei.
Als derzeit einzige parlamentarische Möglichkeit für einen wirtschaftspolitischen Bruch bezeichnet er die AfD.
Eine Regierungsbeteiligung der AfD auf Bundesebene erwartet er erst nach einer schweren wirtschaftlichen Krise. Genau dann müssten Reformen jedoch vorbereitet, fachlich durchdacht und schnell umgesetzt werden. Ein rein emotionaler oder ungeplanter Machtwechsel würde nach seiner Ansicht nicht ausreichen.
Die im Gespräch angesprochene Lücke zwischen Wahlversprechen und Regierungspraxis berührt zugleich die breitere Glaubwürdigkeitsdebatte um Friedrich Merz.
Warum Deutschland kaum noch neue Großunternehmen hervorbringt
Im letzten Teil des Gesprächs richtet Krall den Blick auf die deutsche Unternehmenslandschaft. Deutschland habe kaum noch eine international bedeutende Gründerszene und liege bei Zukunftsfeldern wie der künstlichen Intelligenz deutlich zurück.
Staatliche Förderprogramme könnten dieses Defizit nicht beheben. Sie förderten vor allem Unternehmen, die gut darin seien, Anträge auszufüllen und Fördermittel einzuwerben. Wirkliche Innovation entstehe dagegen dort, wo Unternehmer ein Produkt entwickeln, das Kunden freiwillig kaufen.
Auch die Führung großer Konzerne sei zunehmend bürokratisch geprägt. Wer innerhalb eines DAX-Unternehmens Karriere machen wolle, müsse Fehler vermeiden. Wer keine Fehler machen dürfe, gehe keine Risiken ein. Wer keine Risiken eingehe, sei jedoch kein Unternehmer, sondern ein Verwalter.
Diese Manager orientierten sich deshalb stärker an den Erwartungen von Politik und Behörden als an den Bedürfnissen ihrer Kunden. Hinzu komme die Abhängigkeit von staatlichen Aufträgen. Bei einer sehr hohen Staatsquote werde die öffentliche Hand automatisch zu einem der wichtigsten Kunden großer Unternehmen.
Als Beispiel nennt Krall die deutsche Automobilindustrie. Die Unternehmen hätten sich zu stark an politischen Vorgaben zur Elektromobilität und an immer neuen Überwachungs- und Assistenzsystemen orientiert. Gleichzeitig hätten sie vernachlässigt, welche Fahrzeuge ihre Kunden tatsächlich kaufen wollten.
Die Krise als schmerzhafte Erneuerung
Trotz seiner düsteren Diagnose endet Krall nicht völlig pessimistisch. Er beschreibt Geschichte als Abfolge von Krise, Katharsis und Erneuerung.
Die kommende Krise wird mindestens die schwerste seit 1945 und möglicherweise eine der größten wirtschaftlichen Erschütterungen überhaupt. Sie ist jedoch notwendig, um falsche politische und gesellschaftliche Vorstellungen zu korrigieren.
Das eigentliche Problem sind nicht allein Schulden oder fehlendes Geld sondern eine „Krankheit der Köpfe“. Erst der wirtschaftliche Schmerz zwinge Menschen und Institutionen, grundlegende Irrtümer aufzugeben.
Zeitlich erwartet Krall den entscheidenden Einbruch innerhalb der kommenden zwei bis vier Jahre. Als mögliches Vorbild für die anschließende Neuordnung nennt er Argentinien unter Javier Milei. Dort sieht er einen Beleg dafür, dass eine radikale Kürzung staatlicher Ausgaben, eine Begrenzung der Geldschöpfung und eine stärkere wirtschaftliche Freiheit einen schnellen Richtungswechsel ermöglichen könnten.
Technologischen Entwicklungen steht Krall dabei nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Künstliche Intelligenz betrachtet er nicht als Hauptgefahr, sondern als möglichen Ausgangspunkt eines großen Fortschrittsschubs.
Kralls Gesamtbild: Er erwartet einen schweren Zusammenbruch, sieht darin aber zugleich die Voraussetzung für einen umfassenden Neuanfang. Das bestehende System hält er für nicht dauerhaft reformierbar. Die entscheidende Frage sei deshalb nicht mehr, ob es sich verändert – sondern wie gut Bürger, Wirtschaft und Politik auf die Veränderung vorbereitet sind.

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Torben Botterberg verbindet Gegensätze mit einem Augenzwinkern: schwarzer Humor trifft auf Perfektionismus, ein erklärter Hang zur Prokrastination auf Texte, die erst dann das Licht der Welt sehen, wenn jedes Detail sitzt. Freiberuflich in Vermittlung und Verleih unterwegs, bewegt er sich beruflich zwischen Menschen, Projekten und Möglichkeiten, und privat am liebsten zwischen Chrom, Stern und Benz.
Torben schreibt, um zu verbinden: Erfahrungen mit Einsichten, Gegenwart mit Erinnerung, Technik mit Temperament. Wenn er lacht, dann tiefschwarz, wenn er zweifelt, dann gründlich und wenn er veröffentlicht, dann mit dem Anspruch, dass jedes Wort hält was es verspricht.




