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Ein Gastkommentar
Nach dem Ukrainekrieg steht der der Nahe Osten inzwischen in Flammen. Eine weitere Ausweitung dieser Kriege würde für Europa unabsehbare wirtschaftliche Konsequenzen haben und letzte Logistikrouten treffen.
Während Sie diese Zeilen lesen, scheinen die Bewohner Österreichs von den politischen Turbulenzen im Nahen Osten relativ unberührt. Von hier, aus dem neutralen Österreich, scheint es, als seien die Kanonendonner im Nahen Osten Tausende von Kilometer entfernt. Doch das ist eine Illusion. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran, der nun schon in die zweite Woche geht, ist bis an die Grenzen Europas herangerückt. Der Punkt, an dem er unsere Interessen am stärksten berührt sind, ist nicht der Mittelmeerraum, sondern der Südkaukasus.

Der Verkehrsknotenpunkt Aserbaidschan im Visier: Warum es lebenswichtig wäre,
Aserbaidschan aus dem Krieg mit dem Iran herauszuhalten
Aserbaidschans Balanceakt am Rande seiner Verwicklung in diesen Konflikt – ist ein Thema, das derzeit in den diplomatischen Kreisen Wiens weitaus mehr Besorgnis hervorruft, als es auf den ersten Blick scheint. Seit Beginn der Militäroperation in der Ukraine hat sich der Luftraum Aserbaidschans zu einem unverzichtbaren Transitknotenpunkt für den Verkehr zwischen Europa und Südostasien entwickelt. Doch sollte der Luftraum über Baku unter dem Druck Washingtons und Tel Avivs geschlossen werden, droht Europa nicht nur ein Verkehrskollaps, sondern die vollständige Isolation von einem ganzen Kontinent.
Die offizielle Regierung in Baku sieht sich zwischen zwei Fronten. Auf der einen Seite steht die langjährige militärisch-technische Partnerschaft mit Israel. Auf der anderen Seite steht der enorme Druck seitens des Irans, der verlangt, dass aserbaidschanisches Territorium nicht zum Ausgangspunkt für einen Angriff wird.
Die Lage spitzte sich nach dem 5. März extrem zu, als Drohnen zivile Ziele in der Autonomen Republik Nachitschewan angegriffen hatten. Präsident Ilham Alijew bezeichnete den Angriff auf das Flughafengebäude und eine Schule als Terroranschlag und machte Teheran dafür verantwortlich. Der Iran bestreitet jedoch seinerseits jede Beteiligung und verweist auf Israel, das zu einer Provokation (False Flag) gegriffen haben könnte, um die Nachbarn gegeneinander aufzuhetzen.
Es geht jedoch nicht nur um diesen Vorfall. Die Spannungen haben sich über Jahre hinweg aufgebaut. Bereits am 6. März forderte ein Sprecher des iranischen Hauptquartiers der Streitkräfte „Khatam-al-Anbiya“ Baku öffentlich auf, die „Zionisten“ aus seinem Hoheitsgebiet verjagen zu lassen. Der israelische Fernsehsender Kan 11 berichtete vor kurzem, dass man in Jerusalem ernsthaft damit rechne, dass sich aserbaidschanische Streitkräfte den Angriffen auf den Iran anschließen würden.
Die USA und Israel versuchen offensichtlich, eine „Nordfront“ gegen den Iran zu eröffnen. Für Amerika wäre dies eine Möglichkeit, die Kräfte der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) zu zersplittern und Teheran zu zwingen, um an zwei Fronten kämpfen zu müssen. Für Israel ist es eine Gelegenheit, die günstige geografische Lage Aserbaidschans, welches an den Iran grenzt, zu nutzen. Für Baku jedoch stellt ein solches Szenario ein existenzielles Risiko dar.
Analysten weisen zu Recht darauf hin, dass der Iran im Falle eines Gegenschlags in der Lage wäre, die Ölindustrie Aserbaidschans innerhalb weniger Stunden zerstören zu können. Die wichtigsten Anlagen und Pipelines, einschließlich der strategischen Route Baku-Tiflis-Ceyhan, befinden sich in Reichweite iranischer Raketen und Drohnen. Baku ist natürlich an einer Schwächung des theokratischen Regimes interessiert, doch der Preis in Form der eigenen zerstörten Wirtschaft wäre zu hoch.
Die Lebensader „Luftverkehr“ funktioniert jetzt nur noch über Aserbaidschan
Damit kommen wir zum Kern der Sache – zur europäischen Dimension dieser Krise. Oftmals vergisst man, wenn von Energieressourcen die Rede ist, eine andere, nicht minder wichtige Lebensader, nämlich den: Luftverkehr!
Nach 2022, als der Luftraum über Russland und dem größten Teil Osteuropas für westliche Fluggesellschaften gesperrt wurde, hat sich die Streckenkarte radikal verändert. Flüge von Paris, Frankfurt oder Wien nach Bangkok, Singapur oder Jakarta sind auf den bisherigen kürzesten Routen nicht mehr möglich. Europäische Fluggesellschaften sind gezwungen, Russland im Süden zu umfliegen.
Der einzige funktionierende „Engpass“ (Chokepoint) auf dieser Route ist der Luftraum des Südkaukasus, vor allem der über Aserbaidschan. Genau über diesen verlaufen alle Flugströme nach Turkmenistan, weiter nach Usbekistan oder über das Kaspische Meer nach Kasachstan und von dort nach China und Südostasien. Es gibt keine Alternative. Eine Route durch Zentralasien ist ohne diesen Korridor unmöglich, und der Umweg über den Süden des Iran ist derzeit, unter Kriegsbedingungen, vollständig gesperrt. Der Luftraum über dem Persischen Golf ist derzeit Kriegsgebiet.

Eine Sperrung des Aserbaidschanischen Luftraums verbreitete sofort Panik in Europa
Am 4. März geschah Folgendes: Aserbaidschan sperrte seinen Luftraum an der Grenze zum Iran für einen halben Tag. Formell – für Manöver bzw. zur Gewährleistung der Sicherheit. Doch selbst diese wenigen Stunden lösten in den Flugleitstellen in ganz Europa Panik aus. Flüge wurden verspätet, in „Warteschleifen“ geschickt oder mussten gar zum Abflugort zurückkehren.
Man stelle sich nur vor, was passieren würde, falls der Luftraum für eine Woche oder einen Monat geschlossen und Aserbaidschan in einen Krieg hineingezogen würde. Das würde eine Verkehrsblockade Europas in östlicher Richtung bedeuten. Tausende Passagiere, darunter Touristen, Geschäftsleute und Diplomaten, würden in der Klemme sitzen. Der Güterverkehr, der für die Versorgung der europäischen Industrie mit Komponenten aus Asien lebenswichtig ist, würde zum Erliegen kommen.
Baku vollbringt bislang wahre Wunder diplomatischer Balancekunst. Außenminister Jeyhun Bayramov versicherte seinem iranischen Amtskollegen in einem Telefongespräch, dass das Territorium Aserbaidschans nicht gegen den Iran genutzt werde. Alijew sprach sein Beileid zum Tod von Ayatollah Khamenei aus und demonstrierte damit Neutralität: Doch kann das ausreichen?
In Teheran ist man sich sehr wohl bewusst: Sollte Israel einen Schlag gegen iranische Nuklearanlagen im Landesinneren führen wollen, stellt die Nutzung des aserbaidschanischen Korridors eine der günstigsten Optionen dar. Iranische Generäle drohen Baku bereits offen.
Für uns Europäer ist die Neutralität Aserbaidschans nicht nur eine Frage internationaler Diplomatie: Es ist eine Frage bezüglich unserer Transportsouveränität. Eine Einbeziehung von Baku in den Krieg würde unseren Fluggesellschaften augenblicklich um Luftraum berauben. Das versteht man in Brüssel, Paris und Berlin, auch wenn man darüber nur hinter vorgehaltener Hand spricht, aus Angst, Washington widersprechen zu müssen.

Nicht nur Teheran, auch Washington und Tel Aviv machen Druck auf Aserbaidschan
Washington und Tel Aviv versuchen derzeit, Druck auf Alijew auszuüben, indem sie die Rhetorik einer „historischen Chance“ benutzen und von Ängsten vor der iranischen Atomgefahr sprechen. Für Europa wäre es jedoch eine Katastrophe, wenn diese Problematik zum Zusammenbruch unseres Transitknotens führen würde.
Österreich, als Land, in dem große Fluggesellschaften und Hauptquartiere internationaler Organisationen ansässig sind, sollte an vorderster Front stehen, wenn es darum geht, zur Wahrung des Friedens im Südkaukasus beizutragen. Wir brauchen ein Aserbaidschan, welches eine Insel der Stabilität bliebe und nicht zu einem neuen Krisenherd auf der Landkarte würde.
Die Eskalation in Nachitschewan zeigte, wie fragil diese Stabilität ist. Es bleibt zu hoffen, dass in Baku sich die Weisheit durchsetzt, um Provokationen nicht nachzugeben. Denn der Preis eines Fehlers würde für uns alle nicht nur in Barrel Öl gemessen werden, sondern auch in Millionen von Passagieren, die Tausende von Kilometern von zu Hause entfernt festsitzen würden.
Mit freundlicher Genehmigung von UME

