Die Zwölf-Uhr-Tankstellen-Farce

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Bild: qpress, AI generiert

Während andere Länder ihren Bürgern echte Entlastung verschaffen, hat die Bundesregierung eine Uhrzeit erfunden. Herzlichen Glückwunsch.

Seit dem 1. April 2026 darf der Spritpreis an deutschen Tankstellen nur noch einmal täglich erhöht werden – genau um 12 Uhr mittags. Die Bundesregierung nennt das ein „Maßnahmenpaket gegen überhöhte Spritpreise„. Man könnte es auch nennen, was es ist: die teuerste Nichtsmaßnahme seit dem Tankrabatt von 2022.

Was die Regel bringt – und was nicht

Bereits am ersten Tag der Einführung wurde deutlich, wie stark sich diese Regelung auf die Preise auswirkt: Unmittelbar nach der einmaligen Preisanpassung um 12 Uhr kam es zu einem sprunghaften Anstieg. Der Preis für Super E10 kletterte um 7,6 Cent, Diesel um 7,5 Cent.

Das ist die Logik dieser Regelung in Reinform: Wer nur einmal am Tag erhöhen darf, erhöht einmal am Tag – und zwar so kräftig wie möglich. Statt vieler kleiner Nadelstiche über den Tag verteilt gibt es jetzt einen einzigen, sorgfältig vorbereiteten Faustschlag um Punkt zwölf. Die Ölkonzerne müssen keine Strategie mehr entwickeln. Sie brauchen nur noch einen Wecker.

ADAC und Verbraucherschützer erwarten von der Maßnahme eher mehr Transparenz als dauerhaft niedrigere Preise. Mehr Transparenz. Das ist der offizielle Ertrag dieser legislativen Meisterleistung. Man sieht jetzt klarer, wie man abgezockt wird. Auf der Rechnung ändert sich nichts.

Was andere Länder tun – und warum Berlin schaut

Während Berlin Uhrzeiten reguliert, regieren andere Länder. Spanien hat ein Antikrisenpaket in Höhe von 5 Milliarden Euro verabschiedet, das die Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe von 21 auf 10 Prozent senkt, Subventionen von 0,2 Euro pro Liter für Transportunternehmen, Landwirte und Fischer vorsieht und die Stromsteuer absenkt. Experten rechneten mit einer sofortigen Preissenkung an der Zapfsäule von 30 bis 40 Cent pro Liter. Nicht Transparenz. Preissenkung. Echter Unterschied. Echter Cent.

Italien senkte die Verbrauchssteuern auf Kraftstoffe. Australien halbierte die Benzinsteuer. Polen beschloss neue Gesetze zur Senkung der Spritpreise. Selbst Länder, die finanziell weitaus enger aufgestellt sind als Deutschland, fanden einen Weg, ihre Bürger konkret zu entlasten.

Deutschland fand einen Wecker.

Der Rekord, den niemand haben wollte

Im März 2026 kostete ein Liter Diesel im Durchschnitt 2,164 Euro – nie zuvor war Diesel in einem Monat teurer. Auch Super E10 erreichte mit 2,022 Euro den drittteuersten Monatswert aller Zeiten. Der Ölpreis ist seit Kriegsbeginn um rund 30 Prozent gestiegen. Die Straße von Hormus ist gesperrt. Der Schmerz an der Zapfsäule ist real, täglich und wächst.

Die Antwort der Bundesregierung darauf war ein Gesetz, das die Preisschwelle nicht berührt, die Steuerbelastung nicht antastet und den Konzernen freie Hand lässt – solange sie ihre Freiheit nur einmal täglich ausüben. Der Kartellrechtssprecher der Tankstellenbranche brachte es auf den Punkt: Ob der Markt überhaupt funktioniere, sei fraglich. Wenn sich nichts tue, liege möglicherweise ein stillschweigendes Kartell vor. Ein stillschweigendes Kartell, das jetzt weiß: Punkt zwölf ist seine Stunde.

Was diese Regierung sagt – und was sie meint

Die Bundesregierung erklärt, die neue Regelung sorge für „Verlässlichkeit und mehr Transparenz für Autofahrerinnen und Pendler“. Verlässlichkeit. Man weiß jetzt zuverlässig, dass es um zwölf teurer wird. Das ist der Mehrwert, den Berlin seinen Bürgern liefert: Vorhersehbarkeit des eigenen Ausgeplündertwerdens.

 

Andere Regierungen senken Steuern. Und sie greifen in den Markt ein. Andere Regierungen stellen sich zwischen die Konzerninteressen und die Geldbörsen ihrer Bürger. Die Bundesregierung stellt eine Uhrzeit dazwischen.

Das nennt man in Berlin Handlungsfähigkeit. In der Realität nennt man es das, was es ist: Aktionismus für Pressemitteilungen, Symbolpolitik für Talkshows und strukturelle Feigheit gegenüber einer Industrie, die gerade Rekordgewinne einfährt.

Der Pendler, der morgens zur Arbeit fährt, zahlt trotzdem mehr als je zuvor. Er weiß jetzt nur, dass er das auch morgen um zwölf tun wird.


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Über Torben Botterberg
Avatar für Torben BotterbergTorben Botterberg verbindet Gegensätze mit einem Augenzwinkern: schwarzer Humor trifft auf Perfektionismus, ein erklärter Hang zur Prokrastination auf Texte, die erst dann das Licht der Welt sehen, wenn jedes Detail sitzt. Freiberuflich in Vermittlung und Verleih unterwegs, bewegt er sich beruflich zwischen Menschen, Projekten und Möglichkeiten, und privat am liebsten zwischen Chrom, Stern und Benz.Torben schreibt, um zu verbinden: Erfahrungen mit Einsichten, Gegenwart mit Erinnerung, Technik mit Temperament. Wenn er lacht, dann tiefschwarz, wenn er zweifelt, dann gründlich und wenn er veröffentlicht, dann mit dem Anspruch, dass jedes Wort hält was es verspricht.