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von Niki Vogt
„Io, Michelangelo scultore“
„Io, Michelangelo scultore, … „, (Ich, Michelangelo, der Bildhauer …) so begann ein Brief des Künstlers und Genies Michelangelo Buonarotti, in dem er seinem Frust Luft gab, dass er, ausgerechnet ER, der für seine meisterhaften Skulpturen weithin bekannt war … ausgerechnet er sollte nun in der Sixtinische Kapelle die Fresken-Deckengemälde ausführen. Fast schon eine Beleidigung. Zunächst lehnte er daher den Auftrag ab. Er versuchte sogar, den Papst davon zu überzeugen, dass Raffael der Richtige für diese Aufgabe sei, und bestand darauf, dass “Malerei nicht sein Beruf“ sei. Doch Papst Julius II hatte Michelangelos künstlerische Brillanz in seinen Skulpturen —der Pietà (1500) und David (1504) — sofort erfasst. Deshalb machte er Druck auf Michelangelo: Niemand sonst, nur er komme für den Auftrag infrage.
Vielleicht war er sich auch nicht ganz sicher, ob er vielleicht auch der gigantischen Aufgabe nicht ganz gewachsen war. Denn Tag für Tag von morgens bis abends auf die Gerüste zu steigen und über Kopf malend oder auf dem Rücken liegend, wo einem die Farbe ins Gesicht tropft, wo man nicht einfach ein paar Schritte zurücktreten kann um zu sehen, ob es so richtig ist, die Farbe so wirkt, wie beabsichtigt …

Das Wort „Fresco“ bedeutet, dass die Farbe auf den frischen, noch feuchten Putz aufgetragen werden musste, was bedeutet, dass der Maler immer nur auf kleinen, frisch-feuchten Abschnitten arbeiten kann. Dazu muss er jedes Detail im Vorhinein schon festgelegt haben und sehr schnell die groben Umrisse zeichnen. Schon nach viereinhalb Jahren war das Werk fertig und die Sixtinische Kapelle wurde feierlich mit einer festlichen Zeremonie an Allerheiligen am 1. November 1512 eröffnet. Michelangelo soll die Fresken ganz allein gemalt haben, aber unter schwierigen Bedingungen und größten körperlichen Entbehrungen.
Er war im Jahr 1505 mit den Plänen für ein großes Grabmal für Papst Julius II nach Rom gekommen und wollte die Entwürfe mit seinem päpstlichen Auftraggeber besprechen. Der jedoch entwickelte eine ganz andere Idee und präsentierte seine Vorstellungen dem wenig erfreuten Skulpteur Michelangelo: Er solle die Deckenmalerei in der Sixtinischen Kapelle übernehmen. Papst Julius wollte als Leitthema Thema die zwölf Apostel. Michelangelo, eh schon eingeschnappt, bezeichnete diese Idee als „ärmlich“. Und machte einfach sein eigenes Ding. Es ist überliefert, dass Papst Julius II einen Wutanfall bekommen haben soll, als er nach einer ganzen Weile einmal in die Kapelle kam, um nachzusehen, wie weit denn die Arbeiten gediehen waren. Von zwölf Aposteln war da nichts zu sehen.
Aber er verstand auch, was er sah. Das Fresko „die Erschaffung Adams“, wo der Seelen- und Lebensfunke aus Gottes Hand über seinen Zeigefinger auf Adams Zeigefinger übertragen wird. Ein Bild, was wahrscheinlich jeder schon gesehen hat. Dieses eindrucksvolle ist das Symbol für den Ursprung der Menschheit, die Seelenübertragung, die „Animation“ des ersten Menschen durch Gottes Berührung. Es daher das bekannteste Bild der Decken- und Wandgemälde in der Sixtinischen Kapelle. Michelangelo Buonarrotis Weltruhm als Maler fußt zum Teil auf der Wucht dieses Gemäldes, was jeder ohne Erklärung versteht.

Nebenbei: Sehr interessant ist die Frau, die unter der Achsel Gottes rechts hervorlugt. Das ist kein Engelchen … und Eva ist es auch nicht, denn die wurde ja aus Adams Rippe von Gott als seine Frau erschaffen, also kann sie nicht zuerst dagewesen sein. Michelangelo kannte sich sehr gut aus mit den Texten der Bibel. Wer darüber mal nachdenken will, sollte nach „Lilith“ googeln:
Die jüdische Mythologie verleiht Lilith eine zentrale Rolle als die erste Frau Adams. Gemäß einigen rabbinischen Texten, insbesondere im Alphabet des Ben Sira, wurde Lilith gleichzeitig und aus demselben Lehm wie Adam geschaffen. Diese Gleichheit führte jedoch zu Konflikten, als Lilith sich weigerte, sich Adam zu unterwerfen. Sie bestand darauf, gleichberechtigt zu sein und nicht unter ihm zu liegen. Als ihre Forderung auf Ablehnung stieß, sprach sie den geheimen Namen Gottes aus und verließ das Paradies eigenständig. (…) In vielen mittelalterlichen Texten und Manuskripten taucht Lilith als eine dämonische Verführerin auf, die die Tugendhaftigkeit der Männer bedroht. Sie wurde zur Personifizierung der Sünde und Versuchung, eine Rolle, die in der christlichen Symbolik des Mittelalters tief verwurzelt war.

Der Zahn der Zeit nagte auch an diesem weltbekannten Kunstwerk
Nach Jahrhunderte langer Nutzung der Kapelle mit Kerzenruß und Ausdünstungen von Atem und Staub in der Luft, hatte sich ein dicker Belag aus Kerzenwachs, Staub und Ruß auf den Gemälden gebildet. Es fiel nicht auf, weil es so allmählich und unbemerkt geschah, aber die Feinheiten verschwanden immer mehr und die Farben verblassten. Von der Wucht der leuchtenden Farben Michelangelos war nicht mehr viel übrig geblieben.
Durch die Restaurierungen in den 1980er und 1990er Jahren wurden die Decken- und Wandmalereien in ihren ursprünglichen brillanten Farben erneuert. Am 8. April 1994 wurde nach mehr als 12 Jahren sorgfältiger Arbeit die restaurierte Decke der Sixtinischen Kapelle enthüllt. Die Restauratoren entfernten jahrhundertelang abgelagerten Kerzenrauch, Wachs, Staub und verfärbten Lack und enthüllten Michelangelos ikonische Genesis-Szenen in einem völlig neuen Licht. Was die Betrachter als gedämpfte, düstere Farben und starke Schattierungen kannten, wich einem intensiv farbenfroheren und weniger “geformten” Fresko. Die Reaktionen waren gemischt: Die Kritiker schwankten zwischen Begeisterung und Überraschung angesichts der leuchtenden Farben und andererseits akademischer Empörung über den Verlust der Dimensionalität.
An der Darstellung des Propheten Daniel kann man das Vorher-Nachher recht gut sehen:

Insbesondere die „steinernen“ Figuren auf den Reliefs hinter Daniel wirken nicht nur heller, sondern etwas flacher, als mit dem Patina-Überzug. Andererseits sind die Gesichtszüge Daniels und der Figur, die das große Buch auf dem Rücken trägt jetzt wieder richtig zu sehen.
Auch die Deckengemälde, vorher relativ sparsam farbig, dafür aber kontrastreicher als nach der Restaurierung, gefielen manchem besser, als wieder restauriert.

Hier ein Abschnitt der Deckenbemalung nach der Restauration:

War Michelangelo Buonarotti vielleicht gar kein gequälter Grübler?
Die wissenschaftliche Debatte hat heute ein anderes Bild vom leicht düsteren Genie. Als Michelangelo im Jahr 1564 starb, wurde er in ganz Europa als Genie verehrt, aber auch als schwierig, hochmütig, arrogant und gequält. Eine Frau gab es kaum in seinem Leben. Die verdunkelte, finstere Decke der Kapelle hatte das Image eines wilden und grüblerischen Künstlers geradezu bestätigt. Dabei war er ein Kunstmogul in seiner Zeit gewesen: Bei seinem Tod im Jahr 1564 hatte er ein unglaubliches Vermögen zusammengesammelt. Nach heutigen Maßstäben etwa 50 Millionen €.
In seinen Briefen, die von Qual und Missmut zeugten, drehten sich seine Crawamina hauptsächlich um die Arbeitsbedingungen in der Kapelle: Meist musste er auf en Gerüsten stehen und seinen Hals weit in den Nacken legen, um die jeweilige Fläche, an der er arbeitete sehen zu können. Er litt deshalb unter Nackenschwellungen, ihm tropfte ständig Farbe ins Gesicht und in die Augen. Wochenende gab es nicht, denn Papst Julius saß ihm im geschwollenen Nacken und machte ungeheuren Druck, wie aus den Briefen Michelangelos hervorgeht.
Michelangelo gestand in einem Brief an seinen Vater ein, dass seine Arbeit so schleppend vonstatten ging, dass er nach dem ersten Jahr kein Gehalt vom Papst erhielt und dass er, Michelangelo, sogar Verständnis dafür habe. Der Papst stürmte häufig herein und schrie ihn an: “Wann werden Sie fertig sein?!” worauf Michelangelo zurück schrie: “Wenn ich es kann!”
Das brachte den Papst so zur Weißglut, dass er tatsächlich das Gerüst hochkletterte und mit seinem Stab auf Michelangelo eindrosch. Später bereute er das und schickte einen Diener zu Michelangelo, entschuldigte sich und zahlte als „Schmerzensgeld“ großzügig 100 Dukaten. Tatsächlich tat sich Michelangelo eben sehr schwer mit der Fresko-Malerei und man kann nur staunen, dass er das tat, was man heute als „learning by doing“ bezeichnet. Er war ins kalte Wasser gestoßen worden und kam daher erst gar nicht mit der Technik des Fresko zurecht. Und doch hat er es in nur viereinhalb Jahren geschafft, ein Menschheitskunstwerk als Erstlingswerk abzuliefern.
Michelangelo beliebte nämlich zu scherzen, dass er mit Muttermilch und Steinstaub aufgewachsen sei. Seine Mutter war kränklich und starb früh. Der Junge wuchs unter der Fürsorge seiner Amme auf. Deren Ehemann war ein Steinmetz. Dort lernte der junge Michelangelo mit dem Werkmaterial Stein umzugehen, insbesondere mit Marmor. Aber er ging auch bei dem Maler Domenico Ghirlandaio in die Lehre. Das ist verbürgt, aber Michelangelo hat es aus irgendwelchen Gründen nicht zugeben wollen. Tatsächlich verbrachte er die meiste Zeit seiner Teenagerzeit bei einer Ausbildung zum Bildhauer. Das erfüllte ihn mit großem Stolz und so unterschrieb er auch später im Leben mit Michelangelo “scultore” (italienisch für Bildhauer – Skulpteur).
Für die Malerei und die Maler selber hatte er nicht viel übrig. Er lehnte die „künstliche, sentimentale“ Farbgebung seiner Kollegen ab und nannte die Ölmalerei „weibisch“. Solche Bemerkungen vergrämten seinen Zeitgenossen und genialen Ölmaler Leonardo da Vinci. Der revanchierte sich mit der Bemerkung, dass die Bildhauerei grob, chaotisch und der Malerei unterlegen sei.
Andererseits zeigt die Aufteilung, die Farbgebung, das überirdische Licht, das seit der Restaurierung wieder aus den Fresken leuchtet, dass er sehr wohl die Kunst der Malerei verstanden hat. Denn in der Ausführung dieser Fresken hatte er dann doch vom Papst freie Hand bekommen. Er bekam ja auch eine Mannschaft assistierender, ausgebildeter Maler vom Papst zur Seite gestellt, die Michelangelo aber alsbald feuerte und ihre Arbeit völlig neu übermalte.
Seine Beziehung zu Papst Julius II war nach diesen Jahren des Ringens um dieses künstlerische Titanenwerk ein beiderseits sehr respektvolles. Michelangelo wollte allerdings immer noch an Details der Fresken feilen, aber Papst Julius wollte nun endlich, im Jahr 1512, dieses Werk auch der Öffentlichkeit vorstellen. Die Römer kamen zu Tausenden und waren von diesem Werk überwältigt. Die völlig andere, ungewöhnliche, komplexe Anordnung und Präsentation der Figuren, die Größe, die strahlenden Farben und die unerwarteten Interpretationen der biblischen Themen machten die Menschen sprachlos. Das hatte – im wahrsten Sinne des Wortes – die Welt noch nicht gesehen.
